Dankbar sein? – Einen Sch… muss ich!

Dankbar sein? Einen Scheiss muss ich!Dankbar sein? – Einen Sch… muss ich!
Oder: Ein Aufruf zur Undankbarkeit

Hoppla, solche Überschriften gibt es hier normalerweise nicht. Aber dies ist ein besonderer Artikel hier auf dem Blog, nämlich mein Beitrag zur Blogparade der wunderbaren Elke Schwan-Köhr von federführend media: „Einen Sch… muss ich!“
https://federfuehrend-media.de/blogparade-die-zweite-einen-scheiss-muss-ich


Warum ich nicht mehr für alles dankbar sein will!

Das Internet ist ja schon eine feine Sache. Zu allen möglichen (und unmöglichen) Themen gibt es jede Menge Informationen, Artikel, Veröffentlichungen … Man kann so viele Stunden damit verbringen, sich von einer Seite zur anderen zu lesen. In letzter Zeit fällt mir aber eine Sache auf, die fast schon inflationär auf allen Kanälen immer wieder aufkommt. Sogar ganze Regalmeter Bücher und Magazine gibt es darüber, zu finden in dem Bereich „Lebenshilfe“.

Es geht um die unzähligen Anleitungen zu dem Thema „Wie Du lernen kannst, glücklich zu sein!“ Oder: „Glücklich im Leben mit diesen X Regeln!“ Oder: „Finde Dein Lebensglück jetzt!“ Und in diesen Anleitungen zum Glücklichsein findet sich ein Punkt immer wieder, nämlich die Anweisung:

„Sei dankbar für das, was in Deinem Leben ist.“

Foto: Pixabay

„Führe ein Dankbarkeits-Tagebuch.“

„Schreibe jeden Tag fünf Dinge auf, für die Du dankbar bist.“

„Mache Dir bewusst, was alles in Deinem Leben ist, für das Du bereits dankbar sein kannst.“

Und weißt Du was? Darauf habe ich sowas von keine Lust mehr! Ich will nicht mehr dankbar sein! Nicht so! Und ich erkläre Dir auch gerne, warum.

Sicher hat diese Dankbarkeits-Anweisung schon auch ihre Berechtigung, um Menschen einen Schritt weit vom Jammern zur Zufriedenheit zu führen, und wer zufrieden(er) ist, der spürt auch eher so etwas wie Glücklichsein.

Aber mir widerstrebt diese Verpflichtung, dankbar sein zu müssen. Die Dankbarkeit zelebrieren zu müssen, mich jeden Tag dem Dankbarkeits-Gedanken hingeben zu müssen.

Versteh mich nicht falsch: Ich bin ganz sicher kein undankbarer Mensch. Ich bin sogar sehr dankbar, für alles, was ich Tolles in meinem Leben habe: Ich habe mehr als ausreichend zu essen und zu trinken, sauberes Trinkwasser einfach aus den Wasserhähnen. Ich habe einen wundervollen Ehemann, wohne schön, kann mir Hobbies leisten. Ich liebe meinen selbstgewählten Beruf und kann mich darin verwirklichen. Ich lebe in einem relativ reichen Land ohne große Naturkatastrophen und ohne Überbevölkerung. Ich bin nicht ernsthaft oder chronisch krank. Alles in allem wuppe ich mein Leben, so gut ich es eben kann. Dafür bin ich definitiv dankbar, schließlich kann das wirklich nicht jeder von sich sagen.

Aber – und jetzt kommt das große Aber:

Ich finde, diese Art von selbstauferlegter Dankbarkeit bringt mich einfach nicht weiter.

Was passiert denn mit mir, wenn ich mich jeden Tag hinsetze und Dinge aufschreibe, für die ich dankbar bin (oder sein sollte)? Ich notiere da also fünf Punkte, und dann? Empfinde ich Dankbarkeit dafür, dass sie so sind, ja. Und weiter?

Stellt sich jetzt automatisch das Glück ein? Das bezweifele ich. Was also macht das mit mir?

Ich glaube eher, dass uns zu viel Dankbarkeit im Leben ausbremst. Dass es ein billiger Winkelzug ist und außerdem zu kurz gedacht. Wir sollten viel undankbarer sein!

Denn auf dieser Dankbarkeit kann man sich auch wunderbar ausruhen. Ich habe doch schon so viel erreicht! Guck mal, wie weit ich gekommen bin. Ist doch schon mehr als andere haben! Warum noch weiter anstrengen? Das fühlt sich für mich ein bisschen an, als wäre man einen Berg hinaufgestiegen. Und dann kann es ja gemütlich geradeaus weitergehen – oder wieder bergab.

Und das kann es ja nicht sein, oder? Ich will doch mehr erreichen im Leben, ich will mich weiterentwickeln, ich will dazulernen und mehr aus allem und aus mir machen!

Dabei finde ich diese Art von Dankbarkeit echt hinderlich.

Denn genau dieses Weiterentwickeln und Weiterkommen im Leben wird durch die Verpflichtung, dankbar sein zu müssen, boykottiert. Das Eingelulltsein in Dankbarkeit und Zufriedenheit sorgt dafür, dass wir uns selbst klein halten, den Mut nicht finden, noch eins draufzusetzen, keinen Antrieb und Sinn darin sehen, sich nochmal und nochmal anzustrengen. Und wir bleiben damit auch manchmal in unserer eigenen Hilfsbereitschafts- und Fürsorge-für-andere-Falle stecken.

 

Und noch ein zweiter, sehr persönlicher Punkt klingt mit dieser Dankbarkeit wirklich ungut in mir an:

Als Kind habe ich oft zu hören bekommen, dass ich doch bitteschön dankbar dafür zu sein habe, wie gut es mir geht! Ich sollte dankbar sein für das Essen auf dem Teller vor mir und gefälligst aufessen, auch wenn ich es nicht hinunterbringe. Ich sollte dankbar sein für die Hauptschule und den Hauptschulabschluss – höhere Schulbildung, wo kämen wir denn da hin?! Ich sollte klein und berechenbar gehalten und in einen vorgegebenen Rahmen gedrückt werden. Aus dieser Beschränkung herauszukommen, hat mich zu viel Kraft gekostet, als dass ich da „durch die Hintertür“ wieder reinwill.

Deshalb bin ich inzwischen so weit, dass ich jedes Mal, wenn ich die Aufforderung „Du musst dankbar sein!“ lese, denke: „Einen Sch… muss ich!“

Und trotzdem bin ich dankbar – Dir, wenn Du bis hierher gelesen hast und ich jetzt vielleicht ein Fünkchen Rebellion in Dir ausgelöst habe!

Bleib selbst-bewusst
Deine Anja

6 Gedanken zu „Dankbar sein? – Einen Sch… muss ich!

  1. Liebe Anja,

    einen spannenden Gedanken bringst du da ein. Mir geht es wie Elke, ich bin für die Herausforderungen (und auch für die schwierigen Menschen) sehr dankbar, weil ich vor allem dann viel gelernt habe. Und weil ich auch am Umgang mit Schwierigkeiten erkenne, ob und wie weit ich mich entwickelt habe.

    Es gibt auch nur so viele Lebenshilfe-Bücher und Beiträge, weil eben auch viele Menschen danach verlangen (das Angebot folgt der Nachfrage). Und scheinbar suchen einige nach mehr Glück, Gesundheit, Zufriedenheit und Dankbarkeit (!) 🙂

    Wem es gut geht, braucht die ja nicht zu lesen und sich irgendwelche Übungen aufzuladen, da bin ich ganz deiner Meinung. Ich gehe ja auch nicht zum Arzt, wenn ich gesund bin (drum mache ich auch einen Bogen um solche Lebenshilfe-Bücher ;-)).

  2. Dem schließe ich mich sehr gerne an, Anja: Einen Sch… muss ich!!!
    Ich bin danbar und ich will es sein, von mir aus, dann wenn es wirklich einen Grund für mich dafür gibt. Nicht, weil mir das andere als nonplusultra-Weg zur Glückseligkeit (inflationär) anpreisen…
    Ich bin um vieles in meinem Leben dankbar und auf ganz vieles würde ich derzeit auch liebend gerne verzichten….

    Danke für Deine klaren Worte in diesem Artikel.
    Viele grüße
    Dagmar

  3. Liebe Anja,
    ach wie herrlich – vielen Dank für diesen tollen, rebellischen Beitrag zur Blogparade. Ja, ich bin dir sehr dankbar dafür, weil das doch einfach mal gesagt werden musste! Ich finde, bei diesen ganzen Ratgebern geht es viel zu sehr um die positiven Dinge, für die man dankbar sein soll. Aber ich bin zum Beispiel auch für viele nicht so schöne Dinge dankbar, weil sie mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin. Weil sie viel mehr prägen und formen, als die Dinge, die halt gut laufen.

    Liebe Grüße
    Elke

    1. Liebe Elke,
      da sprichst Du einen Aspekt an, den ich noch gar nicht so genau betrachtet habe – danke! Das wäre ja schon noch einen eigenen Artikel wert.

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